Sony FE 55 1.8: scharf, schnell, smart

Sony FE 55 1.8: scharf, schnell, smart

Seit einigen Monaten begleitet mich das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA. Ursprünglich habe ich es mir zum für die Automobilfotografie angeschafft, doch inzwischen habe ich es auch bei anderen Motiven schätzen gelernt. Was es sonst noch ausmacht? 

Als ich in das Vollformat einstieg und mich nach Objektiven umsah, beachtete ich das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA nicht wirklich. Das lag einerseits daran, dass die Brennweite von 55 Millimetern damals für mich uninteressant erschien. Andererseits sieht es unspektakulär aus, eine klassische Festbrennweite im mittleren Brennweitenbereich.

Einige Monate später wendete sich das Blatt. Für Autos musste was längeres her, 85mm sollten es werden. Nach einigen Tests von 85mm-Objektiven bemerkte ich allerdings, dass 85mm für die meisten Szenarios bei Autos zu weit sind. So viel Platz ist leider nicht überall. Dagegen erschienen 55mm perfekt. Nach kurzer Recherche stieß ich auf das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA. Es wird für seine Schärfe bei Offenbarende und Geschwindigkeit gelobt, zudem ist es klein und preislich mit einem momentanen Marktpreis von 850 Euro brutto attraktiv.

Ich schlug zu. 

 

Erster Eindruck

Kompakt und Edel

Das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA war eines der ersten Objektive für die spiegellosen Vollformatkameras der Sony Alpha 7 sowie Alpha 9 Reihe, das den Markt erblickte. Mit seinen handlichen Abmessungen sowie dem geringen Gewicht passt es hervorragend zu den kompakten Bodies. Es ist so gut ausbalanciert, dass eine Einhandbedienung kein Problem darstellt. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich kaum vom Sony 50mm 1.8 zum Fünftel des Preises, auf den zweiten Blick macht das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA jedoch einen ungleich hochwertigeren Eindruck. Es wirkt massiv, wie aus einem Guss. Die Spaltmaße sind minimal, der Fokusring lässt sich butterweich und präzise drehen. Im Vergleich zu den Normalobjektiven, aber auch den Modellen aus der G- und GM-Serie mutet es ungleich edler an. 

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Autofokus: unspeaktakulär spektakulär

1/8000 f1.8 ISO 100 | Sony Alpha 7R III + Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA

1/8000 f1.8 ISO 100 | Sony Alpha 7R III + Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA

Bei vollständig geöffneter Blende von 1.8 ist die konstante Präzision des Autofokus wichtig, an der Sony Alpha 7R III stellt das FE 55 1.8 im Sekundenbruchteil scharf. Die Schärfe wird sofort getroffen, auch bei bewegten Objekten die sich zwischen Licht und Schatten bewegen, als wäre es selbstverständlich. Das gleiche gilt bei Verwendung des Augen-Autofokus, stets nahezu geräuschlos. Damit qualifiziert sich das Objektiv besonders für Portraits und Lifestyle. Neulich durfte ich einen Filmdreh behind the scenes begleiten, der sich durch hektische Szenen mit starkem Gegenlicht abhob. Von 100 Bildern waren etwa 4-5 außer Fokus. 

 

Bildqualität: hoch und vielfältig

Schärfe

Das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA genießt den Ruf, eines der schärfsten Objektive bei Offenblende zu sein. Während viele Linsen eine Offenblende von 1.4 oder 1.8 bieten, sind sie selbst im Bildzentrum unbefriedigend unscharf. Im Falle des FE 55 1.8 ZA ist das anders, das fokussierte Objekt ist präzise scharf und dank der Brennweite von 55 Milimetern sowie des Vollformates deutlich freigestellt. Trotzdem ist, gerade am 42-Megapixel-Sensor der Sony Alpha 7R III, noch Luft nach oben. Abgeblendet auf Blende 2.8, oder gar Blende 8, bekommt das Bild einen anderen Charakter. Die Schärfe lässt selbst 200%ige Crops zu. Gerade im Studio ist das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA bei Blende 8 mein Liebling. Natürlich ist das 24-70 2.8 GM flexibler und ähnlich scharf bei f8, in den kommenden Punkten aber unterlegen. 

Das folgende Bild vom neuen Audi Q8 ist eines meiner Favoriten der letzten Monate, es wurde mit Blende f8 geschossen. Mit einem Klick auf die jeweilige Vergrößerung gelangt ihr zur Vollbildansicht. 

100%

200%

400%

 

Farben & Kontraste

Verglichen mit anderen G und G-Master-Objektiven wirkt das Bild satter. Besonders bei Haut, Kleidung und Pflanzen wirken die Töne feiner differenziert, aber nicht übermäßig poppig. Das sogar bei praller Mittagssonne. Ein Vorteil der effektiven T*-Anti-Reflex-Beschichtung. Diese mindert die Reflektionen auf den an der Luft angrenzenden Glasschichten und hat einen ähnlich positiven Effekt auf das Bild wie ein Polfilter. Das Licht fällt unverfälschter auf den Sensor. Selbst out of cam haben die RAWs einen sehr fertigen Charakter. Noch mehr farbenfrohe Impressionen findet ihr übrigens im Reisejournal zu Portugal

 

Bokeh

Die Brennweite von 55 Milimetern auf Vollformat zusammen mit der Offenblende von 1.8 setzen die Erwartungen hoch. Das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA besitzt ein unaufgeregtes, cremiges Bokeh, welches nicht vom fokussierten Objekt ablenkt. Zu den Rändern treten vermehrt Katzenaugen auf, sprich ein weniger kreisrundes Bokeh. Da Geschmäcker und Anwendungszwecke variieren, empfehle ich, sich eine eigene Meinung anhand der Testbilder oder einem persönlichen Hands-on zu bilden. 

1/640 f1.8 ISO 100 | Sony Alpha 7R III + Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA

 

Chromatische Aberrationen

Lichtstarke Objektive sind dafür bekannt, bei Offenblende chromatische Aberrationen aufzuweisen. Diese purpurnen und grünen Ränder treten an kontraststarken Kanten wie bspw. weißer Schrift auf schwarzem Grund auf und sind der Tatsache geschuldet, dass Licht unterschiedlicher Wellenlänge oder Farbe verschieden stark gebrochen wird. Zwar können diese in der Nachbearbeitung mühelos vermindert werden, eine gänzliche Entfernung geht häufig zu Lasten der Bildqualität. Es treten graue Ränder auf bunten Flächen auf, welche ggf. mehr stören als der Farbquerfehler an sich. 

Das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA weist besonders bei Blende 1.8 longitudinale chromatische Aberration (loCA) auf. Wie bereits erwähnt, kann diese vermindert, aber in den meisten Fällen nicht komplett entfernt werden. Bei Portraits stören die chromatischen Aberrationen weniger als bei Fahrzeugen oder anderen Gegenständen mit harten Lichtkanten. Ein Abblenden auf 2.8 vermindert die loCA stark (ohne die Freistellung zu eliminieren), bei Blende 4 verschwindet der Farblängsfehler komplett. Da ich Fahrzeuge und andere Gegenstände vorwiegend mit Blende 8 fotografiere, um eine durchgehende hohe Schärfe zu erzielen, stören mich die CAs persönlich wenig. Bei der digitalen Verwendung in Social Media oder im Journal stechen die chromatischen Aberrationen ohnehin nur bei starker Vergrößerung auf. 

 

Fazit

Selten hat mich ein Objektiv so sehr und mehrfach überrascht. Zuerst hatte ich das Sony Sonnar® T* FE 55 1.8 ZA nicht auf dem Schirm, weil es so unscheinbar wirkt. Erst nach einigen Testberichten und einem ausführlichen Hands-on war ich vom rasanten Autofokus und der Schärfe beeindruckt. Die Bilder werden einfach schön und haben Charakter, mitsamt ihren Farben, dem Bokeh, der leichten Vignette bei Offenblende, den Kontrasten sowie dem Overall-Look. Das macht das Sony FE 55mm 1.8 zu einem ausgezeichneten Lifestyle und Portrait-Objektiv

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Die zweite Überraschung folgte, als ich das Objektiv ins Studio und in den technischen Bereich (Automotive) entführte. Abgeblendet auf f8 steigt die Bildschärfe auf enormes Maß, die Vignette und chromatische Aberrationen verschwinden gänzlich. Trotzdem bleiben die natürlichen Farben erhalten. Lediglich die Naheinstellgrenze von 50cm ist mir bei gewissen Motiven etwas zu groß. Womöglich ein Tribut an die kompakte Bauweise. 

Ich wünschte, jedes Objektiv wäre so vielseitig und doch zuverlässig. Für mich in punkto Farben, Schärfe und Bokeh die persönliche Messlatte. Ein 35mm f1.8 aus diesem Baumuster mit gleichen Eigenschaften würde ich mir umgehend zulegen. 

Ein großer Dank geht an meinen Kollegen Dominic, der die Bilder von der Kamera samt Objektiv in meiner Hand geschossen hat. 

Zusammenfassung

Mir gefallen...

+ Bildqualität: Schärfe, Farben, Kontraste, Bokeh

+ Autofokus

+ Verarbeitung

+ Abmessungen/Gewicht

Verbesserungsbedarf besteht bei...

- Chromatische Aberrationen bei Offenblende

- Mindestfokussierabstand

Datenblatt: 55 mm F1,8 ZA

Brennweite55 mm
BlendeF1.8 - F22
Abmessungen  64,4 x 70,5 mm
Gewicht281g
BajonettE-Mount Vollformat
FokusAutomatisch (Linearer Motor) / Manuell
UVP1.099 Euro
 

Weitere Beispielbilder

Detailverliebter Nerd mit Faible für Fotografie, Technik und Autos.